Fachartikel

für das Bildungsmagazin des Steiermarkhof (Ausgabe 2018/19)

© Elke Pürcher metamorph

 

Meine Tätigkeit als Goldschmiedin Schrägstrich staatlich anerkannte Schmuckkünstlerin lässt sich nicht nach rein mechanischer Zweckmäßigkeit bewerten. Ungeachtet sämtlicher Strömungen durch alle vergangenen Epochen hindurch bewegt sich meine Zunft von jeher an der Schnittstelle zwischen Kunst und Handwerk und schlägt eine Brücke zwischen zeitgenössisch und zeitlos. Ein Wirken neben dem Werken sozusagen in einer Zeit, wo merklich eine Verlagerung ins Geistige vonstatten gegangen ist.Der Drang zur Kunst beweist ungebrochenen Kulturwillen, und die Leute im vordergründig urbanen Alltag haben sowohl die Zeit, als auch die Muße, sich mit (Schmuck)Kunst zu beschäftigen.

 

Zeitrafferkaleidoskop

Die Geschichte der Schmuckherstellung lässt sich weit zurückverfolgen. Sehr weit. Bis in die Vorgeschichte. Noch bevor Schmuck zur reinen Zierde wurde, war er zuerst ein zweckmäßiger Gebrauchsgegenstand, wie beispielsweise die Fibel, mit welcher, als man an seiner Kleidung noch keine Knöpfe hatte, die Gewebeteile zusammenhielt.

 

Vor rund 20.000 Jahren schon trugen unsere Vorfahren Knochen, Zähne und Krallen als Körperschmuck, der ihnen als Jagdzauber diente. Als archaische Lebensversicherung quasi wurde dem Amulett das Schicksal des Trägers anvertraut. Wie groß muss die Angst vor unerklärlichen Naturkräften und bösen Geistern gewesen sein, die sie mit ihren Schmuckstücken zu vertreiben gedachten.

 

Als vor rund 6.000 Jahren die Menschen lernten, Metall zu bearbeiten, entwickelte sich aus dem Tätigkeitsfeld des Schmieds langsam der Goldschmied heraus. Ein langer Spezialisierungsprozess mit Verfeinerung der Techniken, wie sie mitunter auch heute noch so zum Einsatz kommen – oder erst recht wieder.

 

Weil dieser Prozess in den jeweiligen Kulturen jedoch zu unterschiedlichen Zeiten ablief, kann nicht genau festgelegt werden, seit wann es Goldschmiede gibt.

Fest steht allerdings, dass alle heutigen Goldschmiede,  Silberschmiede, Graveure, Ziseleure, Vergolder und wie sie sich in ihren Nischen alle bezeichnen, einem Kulturkreis zu verdanken haben, wie sie was machen. Und zwar den Römern. Die spinnen nicht nur… (siehe Obelix).

Nach den Ägyptern und den Griechen, die wahrlich Herausragendes bezugnehmend auf die Entwicklung in der Edelmetallbearbeitung hinterließen, trug der römische Kulturkreis zwar keine wesentlichen Neuerungen diesbezüglich bei, hat jedoch immerhin die im Mittelmeerraum bis dahin bereits überlieferten Handwerkstraditionen bewahrt.

 

Zeitsprung: Der Kunde ist König – der König ist Kunde. Über viele Jahrhunderte gaben als Hauptauftraggeber erst Kirche und dann der Adel den Ton an, was es betraf, die materielle Existenz der Zunft zu sichern, indem man als ausführender Goldschmied den Wünschen nach Inhalt und Form des entstehenden Schmuckes zu entsprechen hatte. Formal und materiell überladene Schmuckstücke waren das Ergebnis und wurden zum Spiegel der Schatzkammer, später zum sichtbaren Bankauszug.

 

Eine Allegorie drängt sich auf, die eine Weggabelung zeigt, auf der die Schmuckgeschichte zu Beginn des Industriezeitalters vielleicht nicht unbedingt die richtige Abzweigung erwischt hat. Auch wenn diese keine Sackgasse ist, denn Quantität vor Qualität steht an der Tagesordnung. Massenerzeugung, gegossene oder gepresste Ware – rein maschinell „verarbeitet“. Schmuck, der nie Goldschmiedehände gefühlt hat. Das Handwerk zurückgedrängt, der Goldschmied hat mittlerweile Juwelier an seinem Geschäftsportal stehen und fungiert, massiv beschnitten in seinem Tätigkeitsfeld, als Händler mit zugekaufter Ware.

 

Eine rechtzeitige Rückbesinnung auf das wirklich Wesentliche im Schaffen von Schmuck hat sich seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts still und leise – beinah schon heimlich – auf den Weg gemacht. Zeitgenössische Schmuckkunst, in gewissen Kreisen unter der Bezeichnung Autorenschmuck etabliert, entwickelte sich zu einer eigenen Kunstgattung. Freilich unbemerkt von der großen Masse, die dem Mainstream gefolgt ist und damit meinte, modern zu sein. DAS Schimpfwort des Goldschmieds lautet Modeschmuck.

 

Doch einige bewusste Schmuckträgerinnen identifizieren sich glücklicherweise nicht mehr mit einer vordergründig am modisch Dekorativen oder am materiellen Wert orientierten Gestaltung, sondern sie erfahren das Tragen von Schmuck als Auseinandersetzung mit der eigenen Person und dem eigenen Körper. Individualität ist das Stichwort, und zwar jene der Trägerin als auch jene des Goldschmiedes.

 

Der hat sich nun allerdings weniger auf dieser edel klingenden Berufsbezeichnung auszuruhen, sondern dem Anspruch gerecht zu werden, einerseits in sich hineinzuhorchen und andererseits aus sich herauszugehen, wenn es darum geht, eine erkennbare Handschrift, ein Alleinstellungsmerkmal in seinem Schaffen zu finden. Die gefertigten (Einzel)stücke bzw. in Handarbeit gearbeiteten und in Nuancen erst wieder verschiedenen Kleinstserien bekommen nun aussagekräftige Namen, denn gesellschaftspolitische Ereignisse dürfen die Kreationen durchaus beeinflussen. Ein experimenteller Schaffensprozess mit Raum für sanft gesteuerte Zufallsergebnisse verdrängt den akribisch vorab gezeichneten Grundriss, Aufriss und Kreuzriss mit veranschlagter Materialberechnung. Darüber hinaus setzt sich ein Gestalter im Handwerk oder Schmuckkünstler, wie man sich mittlerweile bezeichnet, nun auch mit unedlen Materialien auseinander, weswegen die Bezeichnung Goldschmied in dieser Nische immer unpassender – weil zu eng – wird.

 

Wer denkt, die Inspiration sei etwas, das einem so einfach zufällt, liegt falsch. Die Ideen kommen nicht zufällig aus dem Nichts, sondern sind das Ergebnis intensiver gedanklicher sowie experimenteller Arbeit und nicht zuletzt der Freude an der Gestaltung von Schmuck. Treibende Kraft und eine zentrale Rolle ist und bleibt wohl die Faszination für Ästhetik, die ja bekanntlich Anschauungssache ist.

 

Autorenschmuck bewegt sich gerne und oft an der Grenze zum Tragbaren und wirkt bisweilen befremdlich. Soll. Darf. Besonders deutlich während der im November über die Bühne gehenden Wiener Schmucktage zu sehen.

Mein Verständnis von einem ästhetischen Ergebnis erklärt sich so, dass für sich betrachtet die Stücke als eigenständige, gerne auch eigenwillige kleinformatige Skulpturen wahrgenommen werden. Im getragenen Zustand wird der Körper das Präsentationsfeld, die Anmutung des Schmuckobjekts darf sich verändern, akzentuieren und soll durch optimalen Tragekomfort doch zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Trägerin werden. Und dennoch: ein scheinbar überflüssiges Ding, welches so ein Schmuckstück ist, aber ich stelle die kontrovers zu betrachtende These in den Raum, dass vielleicht irgendwo ganz tief in uns drin noch immer der Wunsch nach abstraktem Jagdzauber besteht.

 

Beruf und Berufung

„Goldschmiedin wäre mein Traumberuf gewesen“, höre ich oft von jenen Gästen, die mit mir ins Gespräch kommen, wenn ich an den Museumstagen des Deutschfeistritzer Sensenwerks in der von mir betreuten antiken Goldschmiedewerkstätte Führungen abhalte und mir beim Schaugoldschmieden über die Schulter schauen lasse.

 

„Das will ich auch“ war in meinem Fall der erste Satz, der mir in den Sinn kam, als ich als leicht eingeschüchterte Berufsschülerin am ersten Tag der ersten Klasse in der ersten Stunde meinen Fachlehrer Ferdinand Skledar beim Referieren zuhören durfte. Nicht nur durch anspruchsvolles Handwerk schöne Schmuckstücke fertigen können, sondern das damit einhergehende vertiefte technische Hintergrundwissen in einer Art und Weise in meinem Kopf verankert zu haben, dass ich kurzweilig darüber sprechen kann. Ein Credo, das ich noch heute verfolge und ein prägendes Erlebnis, welches der Anstoß war, dass aus vielen kleinen aber stetigen Schritten ein wunderschöner Weg entstanden ist, nämlich meiner.

 

Und genau dieser hält als eine Säule meiner beruflichen Selbständigkeit Kurse zum Thema Goldschmieden für Laien bereit – so auch in einer schönen Zusammenarbeit mit dem Steiermarkhof, welcher den Basiskurs in seinem Programm führt. Somit wird allen Interessierten, die sich nicht sicher sind, ob denn das überhaupt etwas für sie wäre, ermöglicht, für einen Halbtag hineinschnuppern zu können.

 

Nach rund 70 gehaltenen Goldschmiede-Workshops allein in den letzten beiden Jahren, fühle ich mich darin bestätigt, dass meine Kurse auf modulartig aufbauenden Konzepten basieren.

Woher soll denn ein absoluter Neuling auf Knopfdruck etwas Kreatives aus dem Ärmel schütteln, ohne zu wissen, was denn wann mit welchen Techniken überhaupt möglich ist? Verständlicherweise ist für ihn nicht erahnbar, wie viele Arbeitsschritte nötig sind, von denen man hinterher nicht mal etwas sehen wird, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen.

 

Die Module setzen jeweils einen anderen Schwerpunkt, die Basistechniken sind möglichst breit gefächert und es ist sichergestellt, dass jedes Konzept auch gewiss frustfrei von einem Laien umgesetzt werden kann und dennoch genügend Spielraum zulässt, um besonders geschickte Hände gestalterisch aus der Reihe tanzen zu lassen.

 

Wann kommt es im Erwachsenenalter denn noch dazu, dass man etwas zum allerersten Mal macht?

Welch entschleunigende Wirkung es auf einen hat, wenn man im ursprünglichen Wortsinn „alle Hände voll zu tun“ hat in einer Kleinstgruppe von Gleichgesinnten. Kontemplativ mit den eigenen Händen und Herzblut etwas schaffen, bei dem die uns im Alltag ständig einholende Verkopftheit ruhig mal an uns vorbeiziehen darf.